Expertise – BEHANDLUNGSSCHWERPUNKT
Tractus-iliotibialis-Syndrom (Iliotibiales-Band-Syndrom)
Videoreihe - Schmerzfrei
Schmerzfreilaufen mit Dr. Matthias Marquardt
Läuferknie – Das Tractus-Syndrom.
Videoreihe - Laufschuh auf Rezept
Inhaltsverzeichnis
Begriffserklärung
Synonyme
Ähnlich lautende Begriffe
Differentialdiagnosen
Landläufiger Name
Läufer-Knie
Anatomie
Der Tractus iliotibialis ist ein derber bindegewebiger Faserzug, der am äußeren (lateralen) Oberschenkel vom Beckenkamm bis zur seitlichen Schienbeinkante (Tuberculum gerdyi) verläuft und die Oberschenkel-Faszie verstärkt (Fascia lata). In seinem Verlauf strahlen Ansatzfasern von großen Teilen des großen Gesäßmuskels (M. gluteus maximus), des mittleren gesäßmuskels (M. glut. medius) sowie des Schenkelbindenspanners (M. tensor fasciae latae) in den Tractus iliotibialis ein. Somit überträgt der Tractus die Kraft auf den Unterschenkel und unterstützt dadurch die Hüftstreckung und deren Außenrotation (Funktion des großen Gesäßmuskels), aber auch die Innenrotation (Hauptfunktion des Schenkelbindenspanners). Er ist außerdem maßgeblicher Stabilisator zwischen Rumpf und unterer Extremität. Nach dem Zuggurtungsprinzip wird durch den Tractus ein großer Teil der Biegebeanspruchung des Oberschenkelknochens (Femurs) reduziert. (1)
Funktionell ist der äußere Gelenkknorren des Oberschenkelknochens (laterale Femurkondyle) bei 30-40° Kniebeugung vor allem bei einer O-Bein-Stellung einem erhöhten Druck ausgesetzt. Aber auch bei X-Bein-Stellung führt die vermehrte Spannung des Tractus und der dem X-Bein entgegenwirkenden M. glut. med. zu Überlastungen im Verlauf des Tractus bei wiederkehrenden Reizen.
TRACTUS ILIOTIBIALIS

Risikofaktoren, Stadien und Diagnostik
Epidemiologie
14% aller Läufer sind betroffen.
Das sogenannte iliotibiale Bandsyndrom (ITBS) ist eine häufige Verletzung. Es zählt zu den Überlastungsverletzungen. Hervorgehoben sei hier die Gruppe der Langdistanzläufer: Hier sind bis zu 14 % der Athleten von Tractusbeschwerden betroffen. (2, 3) In einigen Quellen wird sogar von der zweithäufigsten Läuferverletzung gesprochen. (4) Doch auch innerhalb anderer Sportlerarten(laufintensive Ballsportarten, Rudern, Radfahren) ist das ITBS ein bekanntes Problem.
In jedem Fall nimmt die Zahl der Betroffenen in den letzten Jahrzehnten zu, was nicht zuletzt daran liegen könnte, dass die Zahl an Läufern weltweit zunimmt.
Risikofaktoren
– Reduzierte Länge des Tractus iliotibialis
– Spannungszunahme des Schenkelbindenspanners
– Schlechte neuromuskuläre Kontrolle
– Schwäche der hinteren und seitlichen Hüftmuskulatur
– Genua vara (O-Beine), aber auch Genua balga (X-Beine)
– Verkürzung des Gluteus maximus und des Tensor fasciae latae
– Tonus-Störung des gesamten Tractus mit Verhärtungen
– Knick-Senk-Fuß (Pes planovalgus )
– Blockierungen des Fibulaköpfchens
– adventitielle Bursitis
– Schnappphänomen/Friktion vom Tractus iliotibialis über der lateralen Femurkondyle
– Enthesiopathie am Tub. gerdyi
– Entzündung des pericondylären Bindegewebes
– Entzündung der innervierten und vaskularisierten pericondylären Fettschicht
– „myofaszialer Schmerz“
- O-Beinfehlstellung verlängern den Weg, den der Tractus zurückzulegen hat und erhöhen damit auch die entstehende Spannung.
- Auch das mit einer vermehrten Innenrotation einhergehende X-Bein führt zu ähnlichen Problemen. Ein ähnlicher Mechanismus entsteht bei Verkürzungen der in den Tractus mündenden Muskulatur (M. gluteus maximus, M. glut. medius, M. tensor fasciae latae): Durch erhöhte Spannung der Muskulatur erhöht sich der Druck im vulnerablen Bereich um die den äußeren Oberschenkelknorren (laterale Femurkondyle) und das Risiko für eine Tractus-Reizung wächst.
- Ein Knick-Senk-Fuß führt kompensatorisch zu einer Ausgleichbewegung des Körpers in O-Bein-Richtung, was ebenfalls zu einer Druckerhöhung führt.
- Starke muskuläre Dysbalancen sowie fehlende neuromuskuläre Kontrolle über die unteren Extremitäten aber auch im Rumpf- und Beckenbereich prädisponieren grundsätzlich für myofasziale Störungen und Reizzustände, da sie zu Überlastungen an eben solchen Schlüsselstellen führen.
- Eine besondere Rolle in der Entstehung des ITBS nimmt die Schwäche der seitlichen und hinteren Hüftmuskulatur ein. (6) Dies spiegelt sich auch in der Therapie wieder. Daher sollten im Training immer auch Kräftigung des Rumpfes und Stabi-Übungen auf dem Plan stehen (Laufkraft, Lauf-ABC, Rumpf etc.).
Beschwerden
– Schmerzen diffus am äußeren Kniegelenk
– Schmerzen typischerweise vor allem beim Laufen
– Schmerzen ab bestimmter Belastungsdauer, vor allem bei zyklischen Sportarten wie Laufen
– Schmerzen aber auch bei Feldsportarten mit zunehmender Belastungsdauer
– Hauptschmerz bei ca. 30–40° Kniebeugung
Stadien und Verlauf
1. Acute (Akutphase): 3 Tage bis 1 Woche
2. Subacute (Subakutphase): 3 Tage bis 2 Wochen
3. Recovery strength (Kraftzuwachs-Phase): 1–6 Wochen
4. Return to running (Rückkehr zum Laufen): ab der 6. Woche
Diagnostik und Bildgebung
– Druckschmerz des M. glut. med.
– Druckschmerz des M. tensor faszia latae (Schenkelbindenspanners)
– Druckschmerz des Tractus iliotibialis
– Druckschmerz am äußeren Oberschenkelknorren
– Druckschmerz am Tuberculum gerdyi
– Druckschmerz der mm. peronei
– Positiver Ober-Test gibt Hinweis auf Tractus-Verkürzung
Hinsichtlich der Therapieplanung und der Detektion der Risikofaktoren ist eine Bewegungsanalyse allerdings unerlässlich. Diese sollte zuverlässig etwa das einseitige Absinken der Hüfte beim Laufen oder andere Defizite aufdecken können, denn daraus ergibt sich der wesentliche Therapieansatz.
Therapieformen für Iliotibiales-Band-Syndrom
Therapie
– Manueller Therapie + Blackroll-Training
– Gezielten Dehnübungen
– Medikamentös: NSAR bis hin zur Cortisoninjektion
– Gezielten Kräftigungsübungen
– Gangschule bzw. Lauftechniktraining
1. Acute (Akutphase): 3 Tage bis 1 Woche
2. Subacute (Subakutphase): 3 Tage bis 2 Wochen
3. Recovery strength (Kraftzuwachs-Phase): 1–6 Wochen
4. Return to running (Rückkehr zum Laufen): ab der 6. Woche
In der Akutphase der Erkrankung stehen passive Therapieverfahren im Vordergrund. Manualtherapeutische Techniken zur Lösung myofaszialer Funktionsstörungen des Tractus selbst sowie des Quadrizeps, Bizeps femoris sowie der Glutealmuskulatur. (7) Unterstützend wird eine medikamentöse Behandlung mit Entzündungshemmern wie z.B. Ibuprofen oder Diclofenac (NSAR =Cortisonfreie Rheumamittel) durchgeführt sofern keine Gegenanzeigen bestehen. Außerdem kann lokal mit Eis behandelt werden. Auch die Iontophorese, ein Verfahren, bei welchem mittels galvanischen Stroms Wirkstoffe dem betroffenen Bereich durch die Haut zugeführt werden, kann die Therapie in entzündungshemmender und schmerzhemmender Absicht ergänzen.
Essentiell für den Therapieerfolg ist also auch die Analyse der Lauftechnik: Hier können eben beschriebene Abweichungen, Dysbalancen und mangelnde Stabililtät detektiert werden. Das ist unerlässlich, um spezifisch die auslösenden Faktoren angehen zu können.
- Diagnostik inklusive Bewegungsanalyse (Lauftechnik, Schuhwerk ggf. Einlagen)
- Laufpause, Physiotherapie, Stoßwellentherapie und antientzündliche Medikamente in der Akutphase
- Stretching und Kräftigung ab Subakutphase
- Beginn der Gang- und Lauftechnikschulung so früh wie möglich mithilfe neuromuskulären Trainings

Stoßwellen-Therapie
Die Freisetzung von Wachstumsfaktoren fördert die Regeneration.
Effektiv bei: Fersensporn, Achillessehne, Hüftschmerzen, Tennisarm und Kalkschulter.
Radiale und fokussierte Stoßwelle, 3–5 Impulse mit 10 Tagen Abstand
Prognose
- Überlastungserkrankung mit insgesamt sehr guter Prognose
- Konservativ: Return to running bei über 90% innerhalb der ersten 6–10 Wochen
- Operativ: Therapieresistente Fälle mit hoher Zufriedenheit nach operativer Versorgung
Tipp von Dr. Marquardt

Eine Bewegungsanalyse ist natürlich nicht nur sinnvoll für Verletzte. Warum es erst dazu kommen lassen, wenn man frühzeitig und präventiv an seinen muskulären sowie Technik-Defiziten arbeiten kann?
Schon gewusst?
Übungsprogramm
Übung 1
Flossing des Knies & des Oberschenkels

Wiederholungsanzahl:
4 – 6 x 15
Übung 2
Kräftigung der Abduktoren mit Theraband



Führen Sie einen großen Ausfallschritt nach vorne durch. Das Knie ist von einem Theraband umwickelt. Der Zug auf das Knie wird von innen erfolgen.
und sollte deutlich spürbar sein.
Das hintere Knie wird gebeugt, aber nicht auf dem Boden abgesetzt. Die Fußzehen des vorderen Beines sind durchgehend vor dem Knie zu sehen. Führen Sie nun einbeinige Kniebeugen durch ohne den Zug des Bandes nachzulassen.
Wiederholungsanzahl:
3 x 15
Übung 3
Kräftigung der Abduktoren in Seitstützlage









Zur Steigerung der Intensität kann kann ein Miniband knapp oberhalb des Knies angelegt werden.
Wiederholungsanzahl:
3 x 12-15
Übung 4
MFR Tractus iliotibialis





Wiederholungsanzahl:
10 x vor- und zurückrollen bzw. 1–2 Min. rollen
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QUELLEN
(1) Schünke M, Schulte E, Schumacher U, Voll M, Wesker K. Prometheus Allgemeine Anatomie und Bewegungssystem, 2. überarbeitete und erweiterte Auflage. Thieme, Stuttgart, NewYork, S; 2014.
(2) Louw M, Deary C. The biomechanical variables involved in the aetiology of iliotibial band syndrome in distance runners – A systematic review of the literature. Phys Ther Sport. 2014;15(1):64-75.
(3) Becher C, Camathias C, Cook J, Doral MN, Eder K, Engelhardt M, et al. Die Sehne: Leitfaden zur Behandlung von Sehnenpathologien: Walter de Gruyter GmbH & Co KG; 2017.
(4) Aderem J, Louw QA. Biomechanical risk factors associated with iliotibial band syndrome in runners: a systematic review. BMC Musculoskelet Disord. 2015;16:356.
(5) Orchard JW, Fricker PA, Abud AT, Mason BR. Biomechanics of iliotibial band friction syndrome in runners. Am J Sports Med. 1996;24(3):375-9.
(6) Baker RL, Fredericson M. Iliotibial Band Syndrome in Runners: Biomechanical Implications and Exercise Interventions. Phys Med Rehabil Clin N Am. 2016;27(1):53-77.
(7) Fredericson M, Guillet M, Debenedictis L. Innovative solutions for iliotibial band syndrome. Phys Sportsmed. 2000;28(2):53-68.
(8) Earl JE, Monteiro SK, Snyder KR. Differences in lower extremity kinematics between a bilateral drop-vertical jump and a single-leg step-down. J Orthop Sports Phys Ther. 2007;37(5):245-52.
(9) Fredericson M, Cookingham CL, Chaudhari AM, Dowdell BC, Oestreicher N, Sahrmann SA. Hip abductor weakness in distance runners with iliotibial band syndrome. Clin J Sport Med. 2000;10(3):169-75.
(10) Gunter P, Schwellnus MP. Local corticosteroid injection in iliotibial band friction syndrome in runners: a randomised controlled trial. Br J Sports Med. 2004;38(3):269-72; discussion 72.
(11) Allen DJ. Treatment of distal iliotibial band syndrome in a long distance runner with gait re-training emphasizing step rate manipulation. Int J Sports Phys Ther. 2014;9(2):222-31.
(12) Michels F, Jambou S, Allard M, Bousquet V, Colombet P, de Lavigne C. An arthroscopic technique to treat the iliotibial band syndrome. Knee Surg Sports Traumatol Arthrosc. 2009;17(3):233-6.
(13) Hariri S, Savidge ET, Reinold MM, Zachazewski J, Gill TJ. Treatment of recalcitrant iliotibial band friction syndrome with open iliotibial band bursectomy: indications, technique, and clinical outcomes. Am J Sports Med. 2009;37(7):1417-24.














